Nachteile aus wissenschaftlicher Sicht

Nicht nur in NRW versuchen bestimmte politische Kräfte und ahnungslose Bürgermeister, die eher auf ihre Finanzen denn auf das Wohl der Kinder ihrer Stadt schauen, bewährte Schulen wie die Haupt- und die Realschule ohne Not durch eine billigere Variante zu ersetzen. In Baden Württemberg nennt sich der Ersatz für Haupt- und Realschule jetzt „Gemeinschaftsschule“. Der Name ist anders, konzeptionell und pädagogisch entspricht die Gemeinschaftsschule aber der (teil-)integrierten Variante der Sekundarschule - also auch den geplanten Sekundarschulen in Radevormwald und Hückeswagen. Deshalb ist das, was Professor Heller zur Gemeinschaftsschule an wissenschaftlichen Erkenntnissen präsentiert, auch für die Sekundarschule gültig. Der folgende Artikel ist im Original wiedergegeben, die Quelle ist angegeben, lediglich die Hervorhebungen sind von uns.

 

Wissenschaftler fällt vernichtendes Urteil

Professor Heller nennt in seinem Vortrag die Nachteile der Gemeinschaftsschule

Von Dirk Thannheimer

Bad Saulgau Bei der Informationsveranstaltung des Bündnisses pro Bildung am vergangenen Dienstag im gut besetzten Foyer der Stadthalle Bad Saulgau sind in erster Linie die Gegner der Gemeinschaftsschule zu Wort gekommen. Vorausgegangen war der etwa anderthalbstündige, auf wissenschaftlicher Basis fundierte Vortrag „Mythen und Fakten – Aufklärung zur aktuellen Schulpolitik in Baden-Württemberg zum Schulsystem in Bad Saulgau“ des 81-jährigen Professors Kurt Heller, Direktor des Zentrums für Begabtenforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Heller folgte der Einladung des Bündnisses pro Bildung und ließ während des gesamten Abends kein gutes Haar an der Gemeinschaftsschule. Im Gegenteil: Sein abschließendes Fazit, bevor Moderator Adolf Maier die Diskussion eröffnete, lautete: „Sowohl schulpraktische Erfahrungen als auch wissenschaftliche Erkenntnisse der vergangenen drei Jahrzehnte sprechen für die Notwendigkeit von mehr und nicht von weniger Differenzierung im Schulwesen.“ Vernichtend hingegen lautete sein Urteil über die Gemeinschaftsschule: „Sie verspricht eine schöne heile Schulwelt, ohne dass deren Fördereffekte oder vielfach reklamierten Chancenverbesserungen bisher auch nur ansatzweise wissenschaftlich belegt werden konnten.“ Für die schärfsten Kritiker der Gemeinschaftsschule folgte Hellers wichtigste Aussage in seiner Schlussfolgerung: Das gegliederte Schulwesen sei der Gemeinschaftsschule in doppelter Weise überlegen – sowohl im Hinblick auf die Qualifizierungsfunktion der Schule als auch unter dem Gesichtspunkt sozialer Bildungschancen.

Und genau damit widerspricht Heller den von den Verfechtern der Gemeinschaftsschule genannten Vorzügen. Deren Ansicht ist unter anderem, dass längeres gemeinsames Lernen in heterogenen Schulklassen die Bildungschancen verbessere. Das sei ein Mythos, so Heller, Fakt aber sei (nach einer Langzeitstudie des österreichisch-deutschen Bildungsforschers Helmut Fend), dass unterm Strich die Gemeinschaftsschule nicht mehr Bildungsgerechtigkeit schaffe als die Schulen des gegliederten Schulsystems. Denn die soziale Herkunft, so die Erkenntnis der Fend-Studie, entscheide noch längerfristiger über den Bildungserfolg der Kinder als bislang angenommen.

Konzept ist ein Flop
Heller ging in seinem Vortrag sogar noch einen Schritt weiter: „Pädagogische Konzepte einer Gemeinschaftsschule, die eine optimale Schulleistungsförderung aller Schüler bei gleichzeitiger Reduzierung der Leistungsunterschiede in heterogenen Lerngruppen versprechen, haben sich nach jahrzehntelangem Erproben als Flop erwiesen.“

Negatives Beispiel
Um seine These zu untermauern, nannte Heller als negatives Beispiel die von Peter Fratton gegründeten Gemeinschaftsschule in Romanshorn in der Schweiz, wo im vergangenen Jahr 40 Prozent der Schüler durch das Abitur gefallen sind. Heller machte immer wieder deutlich, worauf es ihm ankomme: dass soziale Bildungsgerechtigkeit im differenzierten Sekundarschulsystem nachweislich besser sei als in einer Gesamtschule. Und Heller machte sich auch seine Gedanken über die Zukunft des Gymnasiums und der Realschule. Denn vor allem ein Verzicht auf die Realschule als Schule der sozialen Mittelschicht oder eine Zusammenlegung von Haupt- und Realschule werde beiden Schülergruppen unter dem Anspruch der Begabungs- und Leistungsförderung nicht gerecht. „Die Realschule als eigenständige weiterführende Schulform ist lernpsychologisch sehr gut begründet.“ Was ist mit der Hauptschule? Auch sie erfülle, so Heller, wichtige Funktionen der Schülerförderung, denn sie biete vor allem für die schwächeren Schüler günstige Lern- und Entwicklungsmilieus.

Den erfahrenen Heller schmerzt die jüngste Schulentwicklung. „Die momentane Entwicklung setzt nicht nur bisher relativ gut gesicherte Bildungs-und Ausbildungschancen der Heranwachsenden in Baden-Württemberg aufs Spiel, sondern droht auch deren Berufs- und Lebenschancen massiv zu beeinträchtigen." Er sieht keinen Sinn darin, das bewährte gegliederte Sekundarschulsystem gegen die Gemeinschaftsschule einzutauschen. „Wer kann und will es ohne Not verantworten, ein nachweislich effizientes Schulsystem aufzugeben und sich den seit Jahrzehnten bekannten deutschen Gemeinschaftsschul-Verliererländern anzuschließen?“ Oder, wie es Heller salopp formulierte. „Wer will denn schon die Katze im Sack kaufen?“


Quelle: www.schwaebische.de